Etwa 300 afghanische Bürger:innen veranstalteten am 12. Juni am Rotebühlplatz in Stuttgart eine Protestkundgebung, um ihre Solidarität mit afghanischen Frauen, insbesondere den mutigen Frauen und den Menschen in Herat, zu bekunden.
Eine Tübinger Teilnehmerin berichtete: "Diese Kundgebung ist ein Symbol unserer Einheit, Solidarität und Verantwortung füreinander. Wir verurteilen aufs Schärfste die willkürlichen Verhaftungen durch die Taliban sowie die Folter und Unterdrückung von Frauen unter dem Vorwand des „Hijabs“. Schweigen ist keine Neutralität, sondern Komplizenschaft mit Unterdrückung und stellt das kollektive Gewissen der Menschheit in Frage. Jede Unterstützung der Taliban und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu ihnen verstößt gegen die grundlegenden Prinzipien und Standards der Menschenrechte."

Klarer Appell auch an die Deutschen, die gerne wegschauen
Die Kundgebung demonstrierte die Solidarität mit allen afghanischen Frauen, die seit Jahren vom Recht auf Bildung, Arbeit, Freiheit und gesellschaftlicher Teilhabe ausgeschlossen sind. Die spontan und kurzfristig organisierte Protestaktion war vor allem eine Reaktion auf einen bewaffneten Angriff der Taliban-Gruppe „Amr bil Ma'ruf wa Nahi an al-Munkar“ am 9. Juni im Stadtteil Jebrail in Herat. Jebrail ist überwiegend von Hazara bewohnt – eine ethnische Gruppe mit schiitisch-islamischem Glauben, die von den Taliban als Ungläubige angesehen und seit jeher unterdrückt und verfolgt werden. Trotz Armut und einfachsten Lebensbedingungen hatten und haben die Menschen in diesem überwiegend von Hazara bewohnten Stadtteil, ähnlich wie im Westen Kabuls, stets Bildung, Schule und Universität als Priorität ihres Lebens. Am 8. und 9. Juni wurden in Jebrail gezielt mehr als 70 Frauen und sogar minderjährige Mädchen aus diesem Viertel unter dem Vorwand, den Hijab nicht richtig zu tragen, festgenommen und in Taliban-Gefängnisse gebracht. In sehr mutiger Weise protestierten tags darauf zahlreiche Menschen, vor allem Frauen, in den Straßen des Stadtteils mit Parolen wie „Arbeit, Bildung, Freiheit“ und wurden dort von Taliban-Leuten mit Kalashnikovs auseinandergetrieben.
"Mit diesem Protest forderten wir dringende Aufmerksamkeit für die kritische Lage afghanischer Frauen und prangerten die Zustände in den Folterlagern und Gefängnissen der Taliban an" sagte eine andere im Kreis Tübingen lebende afghanische Frau. "Als afghanische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger fordern wir Deutschland und die internationale Gemeinschaft auf, die Taliban nicht anzuerkennen, die Stimme afghanischer Frauen in politischen Versammlungen und Programmen nicht zu ignorieren und jegliche diplomatische Beziehungen zu dieser frauenfeindlichen Gruppe zu unterlassen. Unsere Botschaft lautet: Freiheit, Gleichberechtigung und Menschenwürde für afghanische Frauen. Wir stehen an der Seite der Frauen von Herat und aller Frauen Afghanistans und bitten die Welt, unsere Stimme zu hören. Wir wollen, dass die geschlechtsspezifische Apartheid in Afghanistan als Verbrechen gegen die Menschlichkeit anerkannt wird".
(Text: SGA / Bearbeitung: AL)

Aufruf zur Kundgebung

Redebeitrag

Auch zahlreiche afghanische Frauen aus Tübingen waren in Stuttgart

Bild aus sozialen Medien über Verhaftungen und Verletzungen von Frauen in Herat

Blut auf der Straße

Aufruf zu einer Protestaktion in Paris